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Ernst Thrasolt : Sagen und Legenden der Saar
Ewald Meyer
Drucker & Verlag: W. Rassier, Saarburg - 2000
ISBN: 3-922127-11-8

Ernst Thrasolt : Hennerm Plou
Ewald Meyer
Drucker & Verlag: W. Rassier, Saarburg - 2000
ISBN: 3-922127-09-6

Ernst Thrasolt : Dahäm
Ewald Meyer
Drucker & Verlag: W. Rassier, Saarburg - 2000
ISBN: 3-922127-10-X

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Sagen & Legenden der Saar

die Saarburgvon Ernst Thrasolt
zusammengetragen von Ewald Meyer

Inhaltsverzeichnis

Der Totengräber von Sankt Lambert

Die Nonne und ihr Kind

Der Wundertäter von Beurig

Der Blutstein

Die Burg an der Saar

Die Selbstmörderglocke

Die Teufelsmühle

Der Rauhof

Franz von Sickingen

Die Rekluse von Machern

Das alte Kloster

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In "Mönche und Nonnen" und in "Die schöne arme Magd" erzählt Thrasolt "Legenden" und "Volksballaden". In ihnen sind Geschichtliches und Sagenhaftes fein verwoben. Mißstände der mittelalterlichen Zeit werden deutlich angeprangert und manchmal mit Ironie aufgezeigt. Auch hier steht der Erzähler auf der Seite der Armen und Unterdrückten.

Der Totengräber von Sankt Lambert

Hoch über der Saar liegt im Sonnenschein
und leuchtet so weiß in das Land hinein
der Kirchhof vom heiligen Lambertus.
Und es ist kein Dorf und es ist keine Stadt,
die einen Totengräber hat,
wie der heilige Lambertus.

Herr Siegfried, Graf von Luxemburg,
dem kleinen Land und der schönen Stadt,
war's der sich noch eine zweite Burg
an der Saar erbauet hat.
Und wie die Burg und sein Töchterlein Adelheid
waren keine im Lande weit und breit.

Sie trug um die Stirne einen Reif von Gold
und ihr Stirne war fromm und fein,
und man sprach, daß sie Nonne werden wollt,
und sie trug um den Hals eine Kette und Edelstein,
und ihre Hände waren mild und klar
und so gut, wie es das Herz in der Brust ihr war.
Und allen Menschen tat sie gut,
und umsonst ging zu ihr ein Armer nie,
und so sanft und heilig war ihr Mut,
daß allen Feinden sie verzieh.
Und sie ward krank und matt und starb,
eh sie die Welt und das Kloster verdarb.

Und als man hinauf den Kirchhofsgang
durch den blühenden goldenen Ginster zog,
lag im goldgelben Ginster, träge und lang,
ein Vagant, der sich Weiden zur Flöte bog.
Und als man sie hinunter ließ,
lag er noch da und blies auf der Flöte und blies.

Und er war eines fahrenden Mönches Kind,
und wie alle Pfaffenkinder sind:
auf allen, allen liegt ein Fluch
wie auf Kain und dem ewigen Juden...genug,
er brach in ihre Grabkammer ein
und raubte ihr Gold und Edelstein.

Und der Jude, der Hehler, ward gerädert und gehenkt
und in einen schmutzigen Weiher versenkt.
Über den andern, der solche Schandtat vollbracht
und die Toten im Grab in der Ruhe gestört,
saßen die Richter bis in die Nacht:
er solle nicht haben so leichtes End,
er solle ohne Priester und Sakrament
und lebendigen Leibes begraben werden.
Und der Knabe fleht, da er sein Urteil hört:
"Meinen Vater hab ich nie gekannt.
Fluch ihm, der ein Pfaffe und ein Spielmann war,
eine Kutte trug und langes Haar.
Meine Mutter war aus edlem Stand,
man wies sie wegen meiner aus dem Land:
Ich durfte nie mit ehrlichen Kindern spielen,
und Schmähworte und Steine auf mich fielen."
Und er wirft sich auf die Kniee alle beid
und schluchzt und schreit:
"Du heilige Tote, erbarme dich mein
und komm, und sollst mir Fürsprech sein."

Und es wird im Gewölbe totenstill.
Und kommt nicht ein Tritt die Treppe herauf,
dringt durch die Ritze nicht ein Schein?
Und - die Tote macht die Türe auf
und tritt in Licht und Glanz herein:

"Ich bin die Herrin diesem Ort,
ich gebe ihn frei mit meinem Wort.
Geh zum Kloster Sankt Benedikt
und sage an der Pforte, wer dich schickt.
Du ließest die Toten im Grabe nicht ruhn,
nach dem Tode sollst du Buße tun."
Und sie wendet sich und geht im Licht
und so schön, wie selbst im Leben nicht.

Und der Pförtner an Sankt Benedikt
schaut mürrisch auf den Menschen, der unter sich blickt.
Und sie nahmen ihn in das Kloster auf,
und er lernte in der Wochen Lauf
bei der Messe das Rauchfaß schwingen
und "cum tuo spirito" singen,
"habemus ad Dominum" und "Deo gratias"
und beten und fasten ohn Unterlaß.
Und nach langen dreißig Jahren haben
sie seinen Leib im Klostergarten begraben.
Und er - er ließ die Toten im Grabe nicht ruhn, -
mußte nun gehen und Buße tun
als Totengräber.

Hoch über der Saar schaut im Mondenschein
schwarz in das helle Land hinein
der Kirchhof des heiligen Lambertus.
Und unten muß der tote Mönch nun gehn
jede Nacht und am Wasser stehn und spähn
in das Wasser.
Und er steht und steht an seinem Spaten,
und er muß ins kalte Wasser waten
und muß auf den nassen Grund sich bücken
und die Leichen heben auf seinen Rücken.
Und er trägt sie alle, Weib und Mann,
den Pfad zum Kirchhof des heiligen Lambertus hinan,
den steilen Pfad, wo die Herzen klopfen.
Und durch den Mondschein rinnen die Tropfen
des Wassers herunter von der Leiche
ihm über Hals und Hand wie bleiche
Edelsteine und Goldkettenglieder
und fallen blitzend zur Erde nieder.
Und auf dem Kirchhof, an der Mauer vorbei,
liegen seine Toten in langer Reih,
in drei langen Reihn, zwei Plätze sind noch frei.
Und sie haben kein Kreuz von Holz oder Stein,
keinen Namen darauf in Goldstabenschein,
der Mönch hat nur mit seiner Hand
mit Rötel ein Kreuz gemalt auf die weiße Wand.

Wie lang und schwarz die Schatten über die Gräber fallen!
Herr, gib Ruhe und Frieden den Toten allen,
die ohne ihre Schuld sind ins Wasser gesunken
und die im Wasser sind ertrunken.
Und er bückt sich, daß Hacke und Schaufel klingen,
dieweil seine Lippen "Requiem aeternam" singen
und mit Geisterstimme beten je und je:
"Domine, de terra plasmasti me
in matre carne vestisti me
redemptor meus resuscita me."
(Aus Erde, hast du mich gemacht,
bei der Mutter mich mit Leib bedacht,
mein Erlöser, erlöse mich aus des Grabes Nacht)
Und bückt sich der Mönch zum Grabe nieder,
blinkt und tropft es im Mondschein immer wieder
von Hals und Hand wie Goldkettenglieder und bleiche
Edelsteine auf die Leiche.

Und wenn im Morgenrot der Frühwind strich,
und der alte Rabe auf dem Nußbaum erwacht
und die schwarzen, funkelnden Augen aufmacht,
liegt wieder ein Grab auf dem Kirchhof, hoch und frisch;
und von einer unbekannten Hand
steht mit Rötel ein Kreuzlein auf der Kirchhofswand, -
das vorletzte ist's in der Ertrunkenen dritten Reih,
ein Platz ist noch frei.

Und rot und golden vom Morgenstrahl
sieht ins blaue Land und ins grüne Tal
der Kirchhof vom heiligen Lambertus.
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Die Nonne und ihr Kind

In der langen, langen Winternacht
vor dem Tag, da Herodes hat umgebracht
zu Bethlehem die unschuldigen Kinder,
da hören die ganze Nacht sie immer
ein Kindchen weinen und weinen.
Und sie sehen eines blauen Lämpleins Schimmer
und sehen einen gehen und stehn, und sie meinen,
ihn nach dem Kinde rufen hören.

Das ist zu Leuken in dem Graben
zwischen dem Schloßberg und Weinberg her;
der ist tief und breit und doch trocken und leer,
hat des Sommers viel goldene Blumen und kein Wasser mehr,
seit sie die Leuk geleitet haben
durch das Burgstädtchen selber zur Saar - - -
's sind drei- oder vierhundert Jahr.

Und wo das Wasser so schwarz und tief
und langsam unter dem Brücklein her lief,
hat die Nonne ihr Kindchen noch einmal geschenkt
an ihrer armen Brust und hat es ertränkt,
und es war noch nicht einmal getauft...
Sie haben sie lebendig eingemauert,
und es hat sieben, sieben lange Jahre gedauert,
da ist sie gestorben.
Und sie hatte geweint und hatte gebüßt
und jeden Tag Christi Wunden geküßt
und hat das Heil und den Himmel erworben.

Doch ihr Kind, das war und blieb verdorben,
sie hatte es nicht einmal getauft.
Und es darf nicht am Throne Gottes stehen,
nicht mit dem Jesuskindlein und den Engeln spazieren gehen.
Doch weil sie so bei der Muttergottes anhielt,
da sie gerade mit ihrem Gottesknäblein gespielt,
für ihr armes Kindlein,
darf sie es ein, einmal im Jahre sehen.

In der Nacht vor dem Tag, da ermordet hat
Herodes die Kinder in der ganzen Stadt,
sucht sie ihr Kindchen in dem Graben.
Und das Kindchen weint, und die Lampe scheint,
und sie sucht und ruft ihm und sucht.
Ein Klosterbruder blieb einmal stehn
und hat mit eigenen Augen gesehn:
sie hatte eine Taufkanne in den Händen.
Christi Blut ist rot, und tot ist tot:
Die Taufe mußt du Lebendigen spenden,
und des andern Morgens fuhr durch den Schnee
stets heraus aus dem Graben bis zur Höh,
wo das Kirchlein steht,
nackter Menschenfußspuren zwei Paar,
ein großes Paar und ein kleines gar.
Und sie sehn nur der nackten Füße Spur
und sonst nichts.

Und der Priester am Altar, der zur Gemeinde herum
sich drehn muß beim Dominus vobiscum,
der kann durch die offene Türe sehn
vor der Tür einen schwarzen Schleier wehn
und ein weißes Hemdlein daneben gehen
und sonst nichts.
Ein Heidenkind darf nicht in die Kirche hinein,
darf von draußen nur sehn der Kerzen Schein
und den goldenen Kelch mit Christi Blut.
Und die Frauen, die hinten in der Kirche sind,
hören weinen eine Mutter und ihr Kind,
wenn die Kinder alle in stolzem Schritt
mit ihren Ein- oder Zweipfennigstücken
um den Altar zum Opfer gehen und an den Mund sie drücken
- das Heidenkindlein draußen darf nicht mit -
und auf den Teller sie legen, um loszukaufen
ein Heidenkind und es zu taufen.

In der Messe am Unschuldigen-Kindertag
trägt der Priester am Altar das violett
Meßgewand; und es muß zur heiligen Stätte,
wer ein Kindlein hat oder hoffen mag,
und beten, daß ihr Kindlein werde getauft,
wie die durch ihr Blut einst wurden erkauft,
und daß sie nie um ihre Kinder müssen weinen.

Und nach dem Amte sehen sie nur
im Schnee, wie Tränen von einem Kind
und einer Frau in den Schnee gefallen sind;
und sehen zweier nackter Fußpaare Spur,
von einem großen Paar und einem kleinen gar,
durch den Schnee von der Kirche in den Graben.

Und ist das Amt eine halbe Stunde aus,
trägt der Priester den heiligen Goldkelch nach Haus
und das Opfergeld, um loszukaufen
ein Heidenkind und es zu taufen.
Und so oft er noch über das Brücklein kam,
hört er drunten ein Weinen, das Abschied nahm
und das Wimmern von einem Kind.
Und unten am Weinberg kreischten zwei Raben und stoben
auf, ein schwarzer und ein weißer, und am Schloßberg oben
mußten sie auseinander.
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Der Wundertäter von Beurig

Nach Beurig geht manche Prozession
von Gesunden und von Kranken
zur Muttergottes und ihrem Sohn,
um zu bitten und zu danken,
um Wachstum zu flehn und um Gedeihn,
um Regen und um Sonnenschein.
Und sie halten in Ehren unsere liebe Frau
und ihren süßen Sohn;
und Fahnen wehen weiß und blau
vom Turm und um ihren Thron.

Vom Hochwald und vom fetten Gau
staut sich vor der Kirche das Gedränge,
von Trier kommen sie zum heiligen Bau,
von Saarbrücken kommt die Menge,
doch nicht nieder vor Maria fallen sie,
zu Pater Adam wallen sie.

Pater Adam ist ein frommer Mann
und trägt die braune Kutte
des Vaters Franziskus, und er kann
den Menschen erneuern aus dem Schutte,
daß er wegwirft die Binde, die Krücke nimmt
auf die Schulter und heil auf den Heimweg klimmt,
den Hochwald hinauf und den Gau hinauf
und Wunder, Wunder jubelt es zuhauf.
Pater Adam salbt mit heiligem Öl
die Kranken, Weib und Mann,
und ruft den Namen Jesu an,
und durch die Kraft des Öles und auf Jesu Befehl
treibt er aus Mensch und Tier und Haus
Krankheit und auch Teufel aus.

In Trier der Kurfürst Wenzeslaus,
der feine Erzbischof,
lebte gut bei Musik und Schmaus
an seinem hohen Hof.
Und seine Freundin, verdenkt ihr's nicht,
die hatte Zipperlein und Gicht.
Und der Herr Clemens Wenzeslaus
sprach: "Geh zum Wundertäter
nach Beurig, der treibt das Zipperlein aus
für jetzt und auch für später.
Und wenn er kuriert deinen weißen Fuß,
mach ich ihn zu meinem Hofmedikus."

Und die Äbtissin von der Ley
macht schnell sich auf die Reise
und vergißt auch nicht für die Tage drei
Kleid, und Trank und Speise
Und sucht in Beurig Heilung von ihrer Gicht,
doch bei der Muttergottes nicht.

Durch Salbung mit Öl und Jesu Namen
wurden gesund und liefen heim, die als Kranke kamen,
und der Pater tat soviel Wunder auf die Art,
daß es die Hausfrauen am Ende verdroß,
weil das Öl einen Albus teurer ward.
Und in Beurig war das Gedränge groß,
und die Äbtissin zu ihrem Reisegenoß:
"Meine Gicht kommt vom Beten und Fasten."
Der aber blickt in den Schoß hinein
und dachte leis an des Kurfürsten roten Wein.
Und als nach drei Tagen sie wiederkam,
hatte Pater Adam geheilt sie nicht,
und sie war, es war eben März, o Gram,
auch noch auf dem andern Fuße lahm
und hatte nun auch in dem die Gicht.
Und der Kurfürst fluchte bei Kreuz und Mess:
"Wir machen dem Pater den Prozeß."
Und in dem frommen Priesterseminar
Der Magister der heiligen Theologie,
Dominus Doktor Öhmsius war,
in Rom schon dreimal verurteilt gar,
weil zum Herrgott er betete nie:
derselbe Meister ward ausgesandt,
den "Skandal" zu schaffen aus dem Land.
Und Öhms untersucht die Wunder all,
und es ist ihm leicht, den Beweis zu erbringen,
nichts sei es mit den Wundern von Fall zu Fall,
und Pater Adam mußte nach Sigmaringen,
und kein Wunder wollte ihm mehr gelingen.

Und in Beurig geht wieder die Prozession
zur Muttergottes und ihrem Sohn,
und die Muttergottes ist mild und gut
und viele, viele Wunder tut
mit ihrem Kleid und mit Hand und Blicken.
Und zum Dank und Gedenken hängen um ihren Altar und Thron
goldene Herzen und hölzerne Krücken.
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Der Blutstein Auf der Halbinsel der Saarschleife liegt die Burg Monkler

Herr, himmlischer Vater, sei uns gut
und gnädig durch unseren Herrn Jesus Christ,
der am Kreuz für uns gestorben ist,
und durch sein heiliges, unschuldiges Blut
bewahr uns vor unschuldigem Blut.

Bei Mettlach stand hoch über der Saar
die Burg Montkler
auf dem Berge, der so klar
schaut in das Land.
Und die Burg steht lange, lange nicht mehr, -
es ist lange her,
daß das schlimme Schloß da oben stand,
Mönche, Bauern, Krämer und Juden
zwang ins Joch und in der Verließe Loch
und des Kurerzbischofs lachte noch.
Lang ist's her.
Von der Burg stehn heut nur die Trümmer mehr.

An der Burg Montkler, an der Burg Bergklar,
zwischen den Trümmern und der Saar
liegt ein Stein.
Und wenn die Sonne schimmert und scheint
in hellem Brand und trockner Glut,
schwitzt und weint
der Stein Bluttränen, rotes, rotes Blut.
Und ist grau die Welt und von Nebeln blaß
und von Wolken und Regen feucht und naß,
liegt trocken der Stein
und gibt sonnenhellen Schein.

Es war im Jahr
des Heils, als Ludwin der siebente Abt von Mettlach war.
Und an dem hellen Ostermorgen
sangen die Lerchen, gottgeborgen,
glänzten die frischen Sonnensaaten,
und die Ostermenschen traten
hell aus der Kammer: "Christ ist erstanden!"
laut verkündet es allen Landen.
Und man sah sie unter Lerchen, zwischen Korngrün wallen
und hörte ihr Allelujah, Allelujah schallen
droben von der Burgkapellen
hinunter in der Mönche Zellen.

Und sie alle waren da - und von allen
fehlt der Burgherr und der Neffe nur, der Sohn
seines Bruders und seiner Frauen, die voll Gram
ihn zum Eheherren nahm,
als jener auf der Jagd, nach Trunk und Spiel
vom Michelsberg fiel.
Und als sie sangen: "Dic nobis Maria,
quid vidisti in via,
sag, Maria, was ist geschehn,
was hast du auf deinem Gang gesehn?",
trat der Burgherr mit einem knirschenden Satz
an seinen Platz.
Durch's Fenster brach hell und farbig das Osterlicht,
der Knabe kam nicht.

Und alle glänzten verklärt und gingen
zum Tisch des Herrn und alle empfingen
den heiligen Leib.
An der Spitze ging der Burgherr und sein Weib.
Und als der Burgpfaffe die Hostie ihm reicht,
wird steif des Pfaffen Hand und starr,
und da der Pfaffe noch stumm und starr dastand,
öffnet der Burgherr schon den Mund,
da wird die weiße Hostie schwarz.
Und sie laufen herbei, und sogar der Narr
lacht nicht mehr und ist erbleicht.

Und als man aus der Messe kam,
die heute ein Ende ohne "Ite missa est!" nahm
und ohne "Deo gratias!"
und ohne Allelujah und Osterspaß,
da fehlte einer nur von allen:
der Knabe war aus dem Fenster gefallen.
In dem Erkerfenster hing
noch sein Horn;
vor dem Fenster an dem Schlehendorn,
der in weißen, weißen Blüten ging,
hing sein Barett.

Und die Mutter klagte: "Mein Sohn, mein Sohn!
Herrgott im Himmel auf deinem Thron,
was nimmst du mir meinen Sohn?
Und sie hat sie auf die Suche gejagt.
Der Graf hat nicht nach dem Knaben gefragt,
ihn sahen sie nicht.

Und man suchte den Knaben und man fand
ihn zwischen der Burg und zwischen der Saar
neben dem Stein.
Um den Hals trug er die Spuren von einer Hand,
sonst war er heil an Leib und letztem Haar,
nur war er kalt und blaß,
war tot, und nur der Stein war naß
von Blut.

Und sie haben ihn seiner Mutter gebracht
und da sie öffneten ihre Tür,
tat sie einen Schrei - war das ein Schrei!
und sie hielt zu sich's Gesicht und stürzte vorbei
an Ihnen und ihm, nach der Tür, nur nach der Tür.
Und dann hat sie gelacht, nur gelacht,
und sie hörten sie lachen die ganze Nacht,
und im Schloß hat jede Seele gewacht
die Nacht und hat kein Auge zugemacht
alle ihr Stunden.
Und am andern Morgen war sie verschwunden.
Wohin weiß kein Mensch.
Und den Graf sah keiner, und es weiß nicht einer,
ob er die Nacht
mit geweint hat oder mitgelacht,
ob er betete oder fluchte
und nach ihr suchte.

Und von Mettlach zog Herr Ludewin
nach Trier zum Erzbischof Balduin
und forderte mit aller Macht
auf den Doppelmörder des Reiches Acht.
Und Balduin sprach: "Ich hab nicht Zeit,
brauch diesen Mond alle Mann bis auf den letzten Rest,
ich muß nach Coblenz in den Streit
mit dem Nest -
und das ist mir ein lieberes Fest.
Du hast deine Mönche, - tu ihn in den Bann!"

Und Ludewin, der Benedikiner, zog
nach Haus,
und jedem, der das Knie vor ihm bog,
teilte er den Segen aus,
nur lächelte er heute dabei nicht
und hatte doch sonst so helles Benediktinergesicht.
Und er rief es aus, Saar auf, Saar ab,
und keiner war im Tal, der die Kunde nicht gab
saarrechts, saarlinks, bergan:
über den Montklerer kommt der Bann.

Und sie zogen gen Montkler in Prozession,
ja Prozession,
und beteten kein Wort und sangen keinen Ton;
nein, keinen Ton;
von den Bergen kamen sie, von saarauf, von saarab,
nahmen kein Kreuz und keine Fahne mit,
sie nahmen nur eine große, gelbe Wachskerze mit.
Und als sie an die Zugbrücke kamen,
rief der Abt dreimal des Burgherrn Namen,
rief ihn vor der heiligen Kirche Gericht -
und der Burgherr kam nicht.

Und ein buckliger Mensch nahm Hacke und Schaufel und begann
vor der Zugbrücke auszuwerfen ein Grab,
und die Mönche zündeten die Kerze an.
Und der Abt hob gen Himmel seine Hand
und es hoben die andern ihre Hände gen die Burg,
und des Abtes Wort, das laut und feierlich ihn bannt,
geht lauter und grimmiger alle Reihen hindurch.
Und sie stoßen aus der heiligen Kirche ihn
und alle, die ihn wie die Pest fliehn,
verfluchen ihn, solange er von dem Bösen sich nicht
trennt, dem er dreifach verfallen ist,
und zurückkehrt und dient dem Herrn Jesus Christ
und sich stellt seiner heiligen Kirche Gericht,
die binden kann und die lösen kann,
ihn stößt in den Bann und ihn löst von dem Bann.
Und sie stoßen ihn aus, und sie verfluchen ihn,
verfluchen mit Leib und Seele ihn,
verfluchen die Erde, wo sie ihn trägt,
des Himmels Licht, kehrt es von ihm sich nicht,
die Luft, die atmet sein meineidiger Mund,
das Wasser, das ihm quellen will aus dem Grund,
das Feuer, das, sitzt er dran, nicht lischt aus,
das über ihn nicht zusammenstürzt, das Haus,
der Hund, der ihm folgt, das er reitet, das Roß,
das Kleid, das ihn deckt, sein Schwert, sein Geschoß,
das zersplittern soll unter seinen Händen,
das zurück auf ihn selber sich soll wenden.
Und alle, alle seien verflucht und gebannt,
wer ihm dient im Land, wer ihn grüßt im Land,
wer ihn läßt über die Schwelle an des Herdes Brand,
die Brot und Salz ihm reicht, die Hand,
ihm am Tisch gibt Stätte, in der Kammer ein Bette,
wer zu ihm steht, solange er lebt,
und wenn er tot ist, ihn begräbt.
Und sie löschen der Totenkerze Schein
und werfen sie in das Grab hinein,
und sie rufen: "Anathema, Anathema," ("Bann!")
und die Juden am Wegrand winseln: "Äkaa,
Äkaa, Äkaa!" ("Wehe!")
Die Saar rauscht, und das Echo hallt
von Bergwand und Wald:
"Anathema, Anathema und Äkaa".
Und eh die Sonne noch war unter,
waren alle, Mann und Weib, schon den Burgberg herunter.
Und ehe die neue Woche anfing,
fiel ein Roß, fiel ein Rind, und ging
ein Tier nach dem andern ein.
Und die Sonne hatte über Burg Bergklar nicht mehr das goldene Gesicht,
und das trockenste Holz brannt im Kamine nicht,
das beste Messer schnitt nicht, und schimmelig war das Brot,
trüb war das Wasser, die Blumen und Bäume waren tot,
kein Vogel flog mahr über das Schloß,
und der Graf war allein, und sein einziger Genoß
war sein Schatten, und der war schwarz und schmal,
und er wurde immer schmaler, und sein Gesicht ward fahl,
leichenfahl.
Und ehe noch der Mond war aus,
stürzte sich der Burggraf zum Erkerfenster hinaus,
aus demselben Fenster.
Und nicht, nichts, auch kein Hifthorn
hing am Fenster noch,
und nichts, kein Barett hang am Schlehendorn,
und alle wußten doch,
daß er es sich selber angetan allein,
und er lag neben dem Stein.
Und er war heil bis auf das letzte Haar,
nur, nur an seinem Halse war
eine Spur, als hätten vier Hände ihn hart und lang
gewürgt und erwürgt,
zwei harte und zwei zarte,
wie in der Chronik steht, die es verbürgt.
Und der Regen zog grau und naß das Tal herein,
doch hell und blutrotglänzend lag der Stein.

Herr, himmlicher Vater, sei uns gut
und gnädig durch unseren Herrn Jesus Christ,
der am Kreuz für und gestorben ist,
und durch sein heiliges, unschuldiges Blut
bewahr uns vor unschuldigem Blut.
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Die Burg an der Saar

Die SaarburgDie Kurfürsten von Trier waren lustige Herrn,
aßen und tranken, spielten und jagten gern,
und waren im Jahr ein paar Tage auch
Erzbischof, das war so Brauch.

Sie ritten durch Tann und Buchen hindurch
zur Saar und zu ihrer liebsten Burg,
und wenn sie kamen, gab es ein Fest,
und es freute sich drunten das ganze Nest -

Da hieß es: Die Hände aus dem Schoß!
Und die Bauern wurden fettes Huhn und Schwein
und die Fischer ihre Fische los
und die Winzer ihren besten Wein.

Die Bäcker bucken Wecken und weißes Brot
und wenn zu Ende war das Fest,
litt keiner in dem Städtchen mehr Not,
und sie teilten sich gerne in dem Rest,
in den Schinken und Braten und Fisch
und - was sonst noch da war aus der Zeit,
und einen Teil schickte der Kurfürst von seinem Tisch
stets den Mönchen im Kloster auf der andern Seit.

Das waren der Herr Kuno und
die andern und der Herr Bohemund.
Sie saßen beim Trunk und saßen beim Spiel
und brauchten alle des Geldes viel.
Und sie zogen lieber auf die Jagd,
als daß sie nach Meßkelch und Bauernschweiß gefragt.
Und um die Burg in des Landes Runde
geben alte Male von ihnen Kunde:
Ein Kreuz steht an des Flusses Strand,
wo ein Bischof im Nachen sein Ende fand:
das Boot war leck, und in dem Boot
fuhr über der Bischof und fand seinen Tod.
Und ein Kreuz steht im Hochwald: mit den Hauern
hat ein Eber einen Kurfürsten tot gewetzt;
und dort, wo man einem das Kreuz hat gesetzt,
schlugen einen tot die Bauern.
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Die Selbstmörderglocke

Und wenn die Glocke auf dem Sand
fängt zu läuten an,
bekreuzigt sich alles bang im Land
und betet Weib und Mann:
"Behüt uns Gott vor schlimmen Tod,
und sei gnädig dem, der in seiner Not
in den eignen Tod und ins Wasser ging
und dem zu läuten die Glocke anfing."
Das ist drunten die Glocke, wo über dem Grund
Sankt Nikolaus, der Patron der Schiffer, steht
über den Klippen und der Tiefe daneben, und
wo die Saar so still ist und so reißend geht.

Und sie bauten in Beurig eine heilige Stätte
Maria, der heiligen Jungfrau und Frau.
Wenn sie für ihren stolzen Bau
nun auch schon die große Glocke hätte,
wie der Turm die größte und schönste in der Runde,
die weit man hörte manche Stunde.
Und der rote Schneider ging in den Wald
- sein Haar war rot, doch sein Herz war fromm -
"Ich weiß, wie ich zu der Glocke komm."
Und die Mitternacht schlug - da erschien die Gestalt.
Dem Bösen verschrieb er und der Hölle
gen die große Glocke seine Seele.
Doch da der Bischof von dem Handel hört,
hebt er die Hand und die Augen und schwört:
"Nie darf in Gottes heiliges Haus
ein solcher Frevel und Teufelsgraus,
so wenig wie ein Selbstmörder in heilige Erde, -
das schwör ich, solange ich leben werde."

Und als die Kirche fertig war,
stand der Bischof im Ornate am Altar
und hob die goldberingte Hand
zum Segen über Dorf und Land,
und geriet auf seinem schwarzen Schiffe
ein schwarzer Fährmann mit der Glocke in die Riffe.
Und der rote Schneider verlor den Verstand,
und es dauerte nicht eine Woche lang,
daß er der Glocke nach ins Wasser sprang;
und hinab zog ihn noch eine schwarze Hand,
und lachen hörte man noch des Teufels Mund,
und zum ersten Mal läutete die Glocke auf dem Grund.
Dort ist's, wo der weiße Sankt Nikolaus steht,
wo an der Klippe zerschellt so Schiff, so Boot
und daneben liegt die Tiefe ohne Lot,
und wo der Schiffer spricht ein Gebet
statt zu fluchen und dem Heiligen eine Kerze verspricht,
so hoch, wie selbst ein Mastbaum nicht.

Wenn ein armer Mensch ins Wasser geht,
ob es ihn behielt, ob es aus ihn warf,
dem nie eine Glocke läuten darf
und kein Kreuz in geweihter Erde steht,
dem armen, armen Menschenkind,
dem Urteil und Hölle so nahe sind,
dem fängt die Glocke zu läuten an.
Und wer auf dem Feld und zu Hause ist,
bleibt stehn, und es betet Weib und Mann:
"Erbarme dich seiner, Herr Jesus Christ,
und bewahre uns gnädig vor aller Not
und vor schlimmem Tod durch den Tod."
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Saarburger WasserfallDie Teufelsmühle

Über dem Fall, wo in den schwarzen Schlund
die Wasser sich schäumend fallen zu Schanden
und heulen und bang zurück wieder branden,
als sperrte sich auf dort der Hölle Mund,
hat die Teufelsmühle gestanden.

Und wenn auch jedes Jahr dort das Unglück geschah,
die Saarburger Schloßmühle war fern und nah
als die beste Mühle bekannt
in dem ganzen gut kurtrierischenLand.
Und ihr Brot war stets so locker und weiß
und bekam vor allem Brot den Preis,
und waren doch noch kurfürstlicher Mühlen genug.
Nur einige frommen Nonnen meinten,
es habe einen leisen Schwefelgeruch.
Und wenn der Erzbischof wieder heimwärts ritt
nach seinem Hof und Kurstuhl: mit
nahm der Koch von dem Saarburger Brot.

Und es hielt kein Knecht, und es hielt keine Magd
bei dem Burgmüller , und hat doch kein Mensch dort geklagt.
Es ging ihnen gut, und es ging ihnen nicht schlecht,
und keinem und keiner gefiel es recht.
Und es konnte nicht Magd und es konnte nicht Knecht
sagen warum.

Die Kurfürstenmühle ist gut gelegen,
und es ruht auf ihr des Himmels Segen.
Und wenn das Wasser war so rar,
daß die Müller in Beurig und Serrig und Ockfen
es in Eimern aus der Saar
holten und ließen über ihre Räder traufeln,
schoß auf der Schloßmühle das Wasser hoch und doch klar
schäumend in die Schaufeln.

Ohne Regen wächst kein Korn und kein Brot,
kein Segen ist ohne Gottes Zorn und Not...
Das ist Gesetz seit tausend Jahren,
und das mußte auch der Müller erfahren.
Stets war eine Nacht in jedem Jahr,
die so unheimlich und dunkel war,
als sei eine Seele in Höllengefahr,
und wo in der Mühle jedes Rad
feierte und stille stand.
Und ehe eine Woche ging ins Land,
war wieder einmal das Unglück geschehn
in der Mühle, daß aus Vorwitz oder beim Spiel,
Gott weiß, wie,
ein Knabe oder ein Mädchen fiel
von dem Rand hinunter in den Schlund,
wo aufsperrt die Hölle ihren Mund,
und unten hört man laut und bang
einen Schrei, so schrecklich und heiser und lang,
und die Leiche fischte man nie.
Und sie sagten, der Müller gäbe alles drum her,
wenn das Unglück nur nicht geschehen wär
wieder bei ihm.
Nur in Beurig und Serrig und Ockfen die Müller,
die Erfahrung haben in schwarzen Künsten und Dingen,
wiegten den Kopf und nickten und gingen
still herum. Und immer stiller
wurd es in ihrer Mühle.

Und sonderbare Dinge allerhand
erzählte sich das Volk im Land,
in der Schmiede und in den Kunkelstuben,
wo beim Spinnrad zusammen kommen Mädchen und Buben,
wie sich das Brot in der Mühle vermehrt,
wo sonst zwei Säcke Korn ergeben
einen Sack Mehl - die Müller verstehen es eben -
auf der Mühle ist es umgekehrt:
ein Sack Korn gebe zwei Sack Mehl,
und der Dinge mehr:
es ginge kein Mühlenrad zu Stücken,
man brauche nicht einmal einen Zahn zu flicken,
und das Faß im Keller werde nicht leer
und der Dinge mehr.
Und auch der Müller ginge gar
nur einmal zum Tisch des Herrn im Jahr,
und wo und ob er beichten ging vorher,
wußte trotz allem Forschen und Fragen
kein Mensch zu sagen.

In der Mühle ist ein guter Platz:
keine Schwiegermutter ist da, und es ist da viel Geld,
und doch behielt in aller Welt
der Müller nicht länger als einen Mond seinen Schatz.
Mädchen, denen die Backe in Männerarm
rot wird und heiß,
an seinem Mund und auf seinem Schoß,
wird sie kalt und weiß.
Und die ihn küßte ein einzig Mal bloß,
tut es nie mehr wieder.
Und der Müller ging auf die Dörfer auf Schau,
ging ins Luxemburger und Metzer Land,
er war reich und ohne Anhang, und er fand
doch keine Frau.

Und die drei Müller saßen zusammen
und dann und wann
spuckte einer, daß es zischte in den Flammen
und dann:
der von Beurig ist für's geistliche Gericht,
für das Hexengericht der von Serrig spricht.
Doch der von Ockfen: "Ich gehe nicht!
Wo kamt ihr beide denn auf die Welt?
Wer den Gaumen hoher Herren so fein unterhält
wie der und ihrem Appetite schmeichelt
und ihnen die feisten Wänste streichelt,
gegen den gibt's kein geistliches, kein weltliches Gericht.
Wahr ist nur, wie in Trier das Sprichwort heißt:
Die letzte Marktfrau, die dort schimpft und zankt
mit ihren Kundinnen, ist schon so supersankt,
daß in der Stadt kein Hund es wagt und sie beißt,
sie nur anwedelt und lieb anbellt,
wenn sie für die Kurfürstenküche nur die Mispeln stellt.
Und aus uns dreien spricht ja doch nur der Neid,
und sie stoßen uns auf die linke Seit,
und auf die rechte bitten schön sie ihn
und jagen uns, und wir können ziehn.
Vor Gericht
geht der Müller von Ockfen nicht.
Sagt es heimlich eurer Frau, wie ich meiner Frau,
und eh gelb der Ginster und der Flachs noch blau,
kommt er wie Amen im Gebet
in der Leute Gered
und zwischen die Zähne, die schneller noch mahlen und gehen,
als sich seine Räder beim besten Wasser drehn."
Und sie spuckten alle drei, und das Feuer war aus,
und die zwei andern gingen nach Haus.

Und als sie an Fronleichnam streuten
goldenen Ginster auf den Weg vor dem Heiligtum,
meinten auch einige von den Leuten,
sei sein Brot auch weiß wie heute das Hostientuch,
es habe doch einen leisen Schwefelgeruch.
Und als sie sich am Sonntag einmal sahen um,
meinte eine: ihr sei es schon geschehen,
sie habe Pechstückchen in seinem Brot gesehn.
Und andere sagten: ich auch, ich auch.
Und eine hatte gefunden gar
im Mehl ein richtiges Geißbockshaar,
und Böcke sind hierzulande nicht Brauch.
Und keine sagte dazu ein Wort,
sie sahn sich nur an, und so kam es fort,
und seltner ließ sich der Müller sehn im Ort.
Und nun war schon über ein ganzes Jahr
auf der Mühle kein Unglück mehr geschehn...

Und ob auch hoch stand drunten die Saar,
- die Mühlen drüben hatten Wasser gar -:
bei dem Müller wurde das Wasser rar,
und sie sahen die Räder langsamer gehen
und auch einen Tag und zwei in der Woche stehn.
Da, da sie eben beim Essen sind
Wo bleibt doch das Amei, das sonst so geschwind
und dabei ist, wenn's zum Tische geht,
da hören von der Mühle her sie einen Schrei,
Jesus Maria Josef - das war ein Kind.
Und eine Frau, die an der Fallmauer steht,
läuft mit Heulen und Händeringen herbei:
"Euer Kind, euer Kind!"
Und noch lag der Schrei in den Adern allen,
als ihnen vor fünf Jahren gefallen
der Junge war hinunter beim Spiele
in der Mühle.

Und ob kein Regen gefallen war,
und ob gesunken war die Saar,
und drüben das Wasser wurde rar,
im Bach und im Mühlenteich,
es blieb sich gleich:
auf der Kurfürstenmühle schoß hoch und doch klar
wieder das Wasser in die Räder,
und an dem Geländer blieb stehn ein jeder.

Und der Pfarrer über dem Totenbuch sprach zum Kaplan,
und der Kaplan zum Küster, und der zu jedermann:
"Die genaue Zahl, die weiß ich,
es sind jetzt 33."

Und lebt sie hundert Jahre lang,
sie vergißt es nicht, wie laut und bang
Brüderlein und Schwesterlein zum letztenmal schrien,
als sie fielen aus der Mühle.
Und die Margarete liegt auf den Knien
in der Kirche vor dem Herrn am Kreuz,
als alle schon fortgegangen waren,
und spricht da herab schon brannte das letzte Licht:
"Ja, Herr, bei deinen dreiunddreißig Jahren!
Ja, Herr!"

Und des andern Nachmittags ging sie zur Beichte,
mitten in der Woche, wo sonst nur die Nonnen gehen,
und sie bleibt solange im Beichtstuhl, daß die Nonnen um sich sehn
und flüstern: "Das Mädchen hat doch nur leichte
und vielleicht gar keine Sünden getan
in ihren 17 Jahren. - Und frommer war nicht
die Muttergottes, so rein und so licht."

Und des Abends ist sie zu Hause so still
und stets um die Mutter, und sie will
nur um sie sein und nicht zu Bette gehn
und ihr helfen - und sie muß doch früh aufstehn,
sie will ja zum Tisch des Herrn gehen.
"Kind, das ist nichts! Die Leute werden sagen,
wenn du mitten in der Werktagswoche willst gehen:
Das dürfen sich nur die Nonnen unterstehn.
Und sie werden staunen und werden sagen:
Das Unglück ist ihr aufs Gemüt geschlagen."
Und am Freitag, dem Kreuzerhöhungstag,
da sie: "O Herr, ich bin nicht würdig" singen,
und die frommen Nonnen zur Kommunionbank gingen,
stießen sie sich in der Kirche an und sahn
die Margarete den Leib des Herrn empfahn.
Und sahn sie mit leuchtendem Antlitz aufstehn
und - sofort aus der Kirche gehen.
Und die sie auf der Straße sahn
stumm und ohne Gruß vorübergehn,
als wär sie am beten,
die blieben auf der Straße stehn
und sahn ihr nach und sahn sie treten
in die Mühle.

Und der Müller stand selber auf der Diele,
und sie sagte "Guten Morgen" nicht,
auch "Gelobt sei Jesus Christ" nicht,
den sie trägt im Mund noch mit Blut und Leib.
Und der Müller erschrickt und bebet vor dem Weib
und folgt ihr, ohn' daß ein Wort sie spricht,
bis zu den Rädern und dem Rand.
Eine Jungfrau im Herrn ist stärker als im Land
der stärkste Mann:
Sie stößt ihn mit ihrer jungfräulichen Hand
hinunter in den Schlund,
wo die Hölle selber aufsperrt ihren Mund.
Und von drunten gellt herauf ein Schrei,
ein Schrei so laut und so lang und voll Schrecken
durch die ganze Stadt, daß am Altar
der Pastor, der sonst so sicher im Singen war,
im "Ite missa est" blieb stecken.

Und sie knieet in der Kirche wieder lang
- kein Mensch ist im Stuhl mehr und im Gang -
vor dem Herrn am Kreuz:
"O Herr, ich tat es nicht, um zu morden,
nur um des Satans Macht zu brechen."
Und sie ging und ist eine Nonne geworden.

Hoch stand die Saar, trat über gar,
nie hatten die Müller ein solches Jahr,
und die Felder und Wiesen wurden nasser und nasser
und standen voll Wasser,
und die Schloßmühle hatte nicht für ein Rad Wasser.
Und die Müller in der Gegend kamen
wieder zu guten Müllernamen
und wurden alle reiche Leute,
und sie sind es noch heute.

Und die Teufelsmühle rissen bis auf den Grund sie ab
und warfen Balken und Stein in den Schlund hinab
und alles bis auf das letzte Rad.
's ist um alles nicht schad.
Und sie haben ein Kreuz auf der Stelle gebaut,
und auf alle , die vorübergehn, schaut
der Heiland so mild,
und er breitet segnend aus seine Hände
und ist ihnen Schild
gen Teufel und Hölle bis an ihr Ende.
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Der Rauhof Der Rauhof

Zu Wiltingen in dem Rauhof ist
eine verschlossene Kammer,
drin im Jahre unseres Herrn Jesus Christ
1794 geschehen ist
Mord und schlimmer Jammer. -

An Wiesen und an Weinbergen arm
spielte sich der Graf und reich an Schulden,
und in der Küche fror in Hunger und Harm
sein Weib und seufzte: "Gott erbarm!"
und er vertrank den letzten Gulden.

Und als da drüben von dem Thron
auf's Schaffot der König mußte wandern,
mußte der reiche Herr Baron
mit Wappen und Geld und Weib und Sohn
nach Deutschland wie viele andern.

Und in der Allerseelen-Nacht
lag das ganze Schloß im Schlummer.
Nur der Graf ist allein noch auf und wacht,
und er hat sie alle drei umgebracht.
"Sie machten ein Ende ihrem Kummer."

Und niemand hat es im Dorf geglaubt,
man könne sich aus Heimweh morden.
Und man sprach leise von "beraubt"
und heimlich schüttelte man das Haupt,
und der Graf war einmal ein anderer geworden.

Ihm schmeckte der goldigste Saarwein nicht mehr,
und er kam früh in die Jahre;
und wurde beim Spiel auch sein Beutel nicht leer,
der Gulden war beim Spiel ihm zentnerschwer,
weiß wurden seine Haare.

Er war und blieb wie ungetauft
und morgens tot, sie sagen, am Schlage.
Und sein Weib hat ein anderes Schloß gekauft,
wo nicht das Blut unter der Tür herlauft
am Allerseelentage.

Und am Allerseelentag bleibt nie
der Pächter in dem Schlosse,
das Blut stände allen bis an's Knie,
und tagsvorher flüchteten immer zum Nachbar sie,
Wiege und Kind und Rosse.

Und in die Blutkammer hat gesehn
seither noch kein Mensch bis heute.
Doch die Fremden bleiben alle vor dem Schlosse stehn
und erzählen, was dort in der Kammer geschehn,
und im Dorf wissen's alle Leute.
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Franz von Sickingen Franz von Sickingen

Die Muttergottes, unsere liebe Frau
von Beurig, ist vornehm und reich.
Ihr Haar ist braun, ihr Aug so blau,
ihr Mund ist mild und weich.
Und ihre Hände sind weiß, und ihr Herz ist gut
und viele Wunder die Muttergottes tut.
Und die Muttergottes hat einen großen Schatz,
hat Kronen, Ohrringe und Halsgehänge;
in der Kirchenkammer finden kaum Platz
Kleider und Schleier, und der Schrank ist zu enge.
Und die schönste Krone ist gülden ganz
und stammt von dem Sickingen, dem Franz.

Und das Volk von Beurig lief jammernd zusammen,
und es jammerten die Mönche in den braunen Kutten,
als stünden Dorf und Kirche in hellen Flammen:
"O Muttergottes, vergißt du uns ganz?
Sie kommen, sie kommen! Der kühne Franz
von Sickingen und der Faust und der Hutten.
Sie kommen von der Ebernburg,
über Hermeskeil und den Hochwald hindurch."

Und sie kamen herüber von der Nah
mit Zelten und Pferden und Wagen und Troß,
in zwei, drei Tagen waren sie da
mit Pulver, Feldschlangen und Geschoß.
Und die Bauern haben ihre Mädchen versteckt
und brachten ihre Hühner um
und haben Schinken und Eier verdeckt
im Garten, unterm Heu, und vorwitzig und stumm
zogen und drehten sie die Mützen, erschreckt
vor dem Heer und den neuen Evangelium.

Und den Opferkasten leerten noch
in Eile die Mönche und dann
in den Wald mit dem Geld, und sie graben ein Loch
in der Nacht - der Regen rann und rann -
und dazu die Kelche und silbernen Kannen
zur Messe, und ruhiger zogen sie von dannen.
O heilige Jungfrau, die findet nicht
kein Landsknecht und auch nicht der Teufel-Faust.
Aber, Herr Richard, fürchtest du nicht
für die Kirche, die du der Jungfrau baust.
Fertig steht sie bis zu Turm und Zinnen -
Was willst du beginnen?

In dem Jahre, als der Doktor zu Wittenberg schlug
mit dem Hammer ans Tor der neuen Zeit,
Kurfürst Richard von Greifenklau selber trug
den Grundstein zum Bau und hat ihn geweiht
mit sonderlichem Privilegium vom Papst
für das Ablaß-Almosen, das du gabst.

Erzbischof von Greifenklau,
der Kurfürst von Trier, lag drüben auf der Burg
mit dem Warsberg und Montkler, hielt Wacht und Schau
und ließ keinen die grüne Saar hindurch,
und er fluchte droben in seinem Horst,
daß Ring und Ring an seinem Stahlwams borst.
Und er sah, wie der Sickingen drüben goß
Kugeln für seine schlimmen Feldschlangen
und: tausend Teufel, wie konnte der Koloß
auf den Turm der Kirche nur gelangen?
"Soll ich selber nun schießen auf meinen Bau,
auf die Kirche unserer lieben Frau?"
Und Richard von Greifenklau hat geflucht,
und fluchen konnt er besser als beten
und hat nach dem schlimmsten Fluche gesucht
und dem Schwert - er konnt' besser fechten als segnen -
der Teufel mocht im Zorn ihm nicht begegnen,
und stand es auch schlimm mit seinem Latein,
gut sprach er deutsch: schlug mit dem Schwerte drein.

Am besten lebt ein Landsknecht auf der Welt.
Er liegt und säuft und würfelt im Zelt
um Wein und Weiber, um Wams und Geld.
Und hat kein Geld, so raubt er, und stiehlt
er es weg seinem Bruder und seiner Schwester Schatz,
und er kniet in der Kirche auf dem frömmsten Platz
vorn am Altar und betet und schielt
nach Meßkelch und Lavabo bei der heiligen Feier
und nach der Muttergottes Schleier -
und anderen Tags hat er wieder den Satz,
den er einsetzt beim Spiel.
Und er hat noch mehr - ein feiner Freier -
er hat für seine Liebste den Schleier
der Muttergottes, die bekommt doch bald
wieder einen neuen von den Schätzen in dem Wald,
so die verdammten Kutt-Pfaffen begruben
vor ihnen, den Buben.
Und in den Stiefeln hat er da
die Borden von der Kasula
mit den goldenen Fransen.
Hei, stehn die gut an dem roten Mieder
und an dem grünen Unterrock
der Liebsten beim Tanzen!
Und ein Goldkreuz hat er, das gibt wieder
Ring und Spangen für ihre schönen Glieder!
Und die Albe mit dem Genter Spitzenbesatz
gibt zwei ganze Kirmeskleider
für seinen schwarzen und seinen blonden Schatz.
Und verdammt! Die beiden gestickten Stolen
vergaß er, die wird er sich noch holen,
die geben feine Gürtel ab.
Und aus seidenen Fäden das Zingulum
gibt Strumpfbäder, zweimal über'm Knie herum.
"Bei Sankt Michel und Sankt Jörg: mein höchster Schwur -
sind meine Mädchen in solch frommer Montur
nicht geistlich und gottesfürchtig und frumm,
und süßer, süßer, ich wette,
als wenn ein Pfaff uns gekuppelt hätte?"
Und morgen kniet er vor dem Altar sich nieder:
Er hat eine Feder unters Altartuch gelegt.-
Er ersticht den Mönch, wenn er sich nur regt
dagegen: die macht ihn fest und dicht,
wenn ein Priester einmal die Messe drüber spricht.
Und abseits ist's von dem großen Zug,
wo der schwarze Magister sein Zelt aufschlug,
am Waldrand, am Schmiedeborn mi den Unken.
Er schläft des Tags bis zur Nacht,
wo er erwacht.
Um sein Zeltdach glimmt es von Funken,
und im Teiche rufen ängstlich die Unken.
Und vor einem großen, seltsamen Buch
sitzt er und murmelt Spruch um Spruch.-
Sein Mantel ist schwarz und lang sein Haar,
und er bekommt um Mitternacht Besuch,
und die ganze Gegend ist voll Schwefelgeruch.
Und man sagt, der Teufel sei ihm hold,
mit seiner Hilfe mache er Gold.
Ob es wahr ist, weiß ich nicht, weiß nur eins:
er macht Gold, hat aber selber keins.
Und die Bauern gehen schon in sein Geheg
und finden des Abends zu ihm den Weg
mit Speck und Butter.
Der hat die Sucht und sein Weib die Rose,
der eine kranke Kuh,
der dies und das und noch dazu
eine schlimme Schwiegermutter.

Die Landsknechte fluchen und lachen nur viel
über den Teufelsdoktor und seine schwarze Magie
und treiben ihr grobes Soldatenspiel
mit dem Hexenmeister und Goldmacher. - Wie
es des anderen Tags aber geht zur Schlacht,
haben sie seiner gedacht:
dann macht er sie hieb- und kugelfest.
Und gibt die nächste Steinkugel einem den Rest,
sie lassen's den Magier nicht entraten,
hinterläßt der arme Schelm ihnen nur Dukaten,
die sie unter sich teilen.
Und doch, es gelingt ihm auch bisweilen
einen kranken Menschen zu heilen.
So tat er eine Geschwulst besprechen,
die soll davon in einem Tag aufbrechen,
und es traf sich, daß eine Hellebarde drein fuhr,
eine trierische - der Doktor schwindelt nicht nur.

Und sie warten im Zelt den ganzen Tag
mit Bitt und Glückwunsch, mit Ratschlag und Klag.
Und der Sickingen geht und steht im Zelt
und steht und sinnt am Sternenrohr,
und auf den Mars und die Venus hält
er's jetzt und steht und starrt empor.
Und der echte Perser, über den er jetzt schreitet,
lag in Frankfurt bei der Kaiserkrönung gebreitet.
Und er wirft in Purpurstuhl sich. Der von Speier
saß sonst drin bei des Hochamts Feier.
Und wohin er sieht, und wohin er mag denken,
alle die Dinge mußten die Herren ihm schenken,
Kurfürsten und Bischöfe und hohe Ritter.
Und er steht am Fernrohr. Nur des Schuhes Geflüster
auf dem Teppich vom Diener - der war Bruder Küster
dereinst bei den unbeschuhten Minoriten;
der versteht sich auf Putz und Prunk und Glanz -
fort lief er, es hat ihn dort nicht gelitten,
nun geht er mit der Marketenderin auf den Tanz
und ins Bett.
Und Sickingen denkt an sein treues Weib,
- nie rührt er an andern Mund und Leib -
die zu Hause jetzt sitzt und am Rade spinnt,
wie das Rad ihr stehen bleibt, sie sitzt und sinnt,
an die Wiege, an das Fenster tritt
- o warum zog sie und der Knabe nicht mit -
und vor die Muttergottes, - alle Samstage brennt
die kupferne Ampel davor, und sie flennt:
"Du bist mir Herr und Kaiser, mein Franz,
ist das dir nicht Reich genug, Krone und Glanz?"
Doch er, er sieht ein deutsches Reich,
und drin sei Bischof und Bauer gleich,
und Herr und Knecht sei von gleichem Recht,
und alle sollen werden satt,
nicht einer fett und die andern matt.
Und zum Diener gebogen:
"Ruf herbei mir den Astrologen!"
Und sie warteten im Zelt den ganzen Tag
Mit Bitt und Glückwunsch, Ratschlag und Klag,
mit hohen und niedern, stolzen und demütigen Stirnen,
Landsknechte und Adel, Bauern und Dirnen,
- die, die da in der Ecke beiseite stehn
und denen die Schürzen so weit abstehn -
und Mönche und Juden.
Der Bauer will sich über den Tambour beschweren,
der Mutter sein Mädchen machte; zu Ehren
soll er sie bringen! Dies verhurte Gelichter!
Mit der allerschmutzigsten Mistgabel ersticht er
den Schuft.
Und der: ihm stahlen aus dem Stall sie die letzte Kuh,
und will er anhalten, daß sie doch vererben
ihm die Haut - er will selber sie gerben
für seine Kinder zu Leder und Schuh.
Und lang warten der weingrüne Guardian,
und mit den gütigen Augen und dem weißen Haar
aus dem Kloster der Pater Vikar:
Sie sollen die Woche ein ganzes Ohm Wein
Dem Sickingen liefern, zehn Schinken, ein Schwein,
hundert Eier, ein Kalb und ein Rind:
er möge bedenken, sie selber sind
Bettelmönche, Franziskaner,
echte, alte, arme Assisianer.
Und der Jude,
der kommt her wegen Beute;
er will sie erstehn zum höchsten Preise
und sie wieder bringen unter die Leute,
nichts dran verdienen, ohne Gewinn,
nur weil er's gut meint in seinem Sinn
mit dem Herrn und dem Volk.
Und schon bietet er die Sachen an,
die man bei ihm haben kann:
Christusbilder und Wappenschilder,
geschriebene Bibeln und Kinderfibeln,
Becher für Ungar- und Malvasierwein,
Fächer für feine Jungfräulein,
Dolche und Schwerter, Bilder und Bücher,
Lederhosen und Seidentücher,
Heiligen-Gebeine und Edelsteine,
eine alte geschnitzte Eichentruhe,
Silber-Schnallen-Schnabelschuhe,
Haubenbänder und Meßgewänder,
Wollstrümpfe, Pestsalben, Kleiderständer,
eine Feder aus Erzengels Michael Flügel
und vom heiligen Vater den güldenen Bügel,
den der Kaiser ihm knieend hielt in Venedig
und, großer Gott Israels sein uns gnädig -
den Weisheitszahn des Königs David
und den Schwanz des Esels, drauf Christus ritt
in Jerusalem ein. - "Aber, aber, ich bitt,"
fährt der Guardian den Juden an,
"den Kauften gestern von dem Isaak wir."
Und der Vikar reicht, fein lächelnd und gefaßt,
seinem Obern hin ein Rettungsast:
"Bei dem Esel war noch ein junges Tier;
von dem Füllen ist wohl der Schwanz des Abraham hier."
Und dankbar und heiter fährt der Jude weiter:
"Eine Sprosse aus Vater Jakobs Himmelsleiter!"
Und billigst bietet er dem Guardian
eine Monstranz aus purem Golde an:
"Herr Erzabt und Herr Abt - nächste Woche habt
ihr eures heiligen Vaters Franz
von Borg Geburtsfest - welchen Glanz
gibt sie dem Fest, und wann Maria auf dem Tabor wird verklärt
und der heilige Geist in den Himmel fährt!"
Und in das Vorzelt tritt Ritter Hutten.
"Franzosenseuchling!" knirscht der Guardian in der Kutten.
Und Ritter Hutten schaut sich um
und predigt das neue Evangelium.
Zu gestikulieren fängt er an und zu schrein
von Pfaffen, Dunkelmännern, Ablaß, Latein,
von Sakramenten, Mönchsstreiterein,
von deutscher Beschwernis und römischer Gefährnis,
und es funkelt und lodert über sein Gesicht
wie ein Schwertschlag zündet Glanz und Licht
auf Silberschild.
Und schon bietet der Jude zum drittenmal
ihm an ein Opuskulum des Martial
mit Versen, die der lange auswendig kennt.
Und ein roter, roter Flecken brennt
auf seiner Wange.
Und es predigt der Hutten, und es schweigen die Kutten.
Nur ein Bäuerlein: "Mein Vater war nicht gelehrt,
doch war er fromm und nicht verkehrt,
und seid ihr gut und fromm wie der,
dann kommt und predigt mir morgen mehr!"
und sagt nichts weiter.
Und aus dem Dunkel tritt in das Zelt
der Sternendeuter.
Da gehen sie alle endlich nach Haus,
der Jude und die Mönche nur halten aus.

Und Sickingen winkt, Faust tritt ans Rohr
und stiert zu den Sternen, Sickingen beugt sich vor,
leis zuckt Fausts Hand, seine Schläfe wird bleich!
"Was steht in den Sternen geschrieben
von Kaiser und Reich?
Stets bist du mir Antwort schuldig geblieben.
Gib Antwort, klar wie des Himmels Blau
und wahr wie das Auge unserer lieben Frau!"
Faust stockt und stammelt und steht und sammelt
die verstörten Gedanken.
Und ob seine Zunge auch will schweigen und schwanken:
"Herr, wie euer Mund befohlen hat:
Ich seh in den Sternen eine kleine Stadt
in der Pfalz und in der Mitte eine Burg.
Durch das Stadttor reiten die Fürsten hindurch,
der von Trier, von Bamberg und von der Pfalz
und die andern. - Ihr seid in Acht auf Leib und Hals.
Und auf der Burg, in zerschossenem Gelaß
liegt ein Mann auf dem Brette, schwach und blaß
und von Wunden rot, und der Mann seid ihr.
Und ich höre ein Sterbeglöcklein, das klingt,
seh einen Priester, der das Viatikum bringt,
und der Mann empfängt den Leib des Herrn,
und die Stirne leuchtet, und er stirbt gern.
Und der Mann ist tot, und der seid ihr."
Und Sickingen greift einen Beutel Gold,
schüttet ihn aus, daß über'n Tisch es rollt
und gleißt von Dukaten! Fausts Hand kann nicht alle fassen.
Und ein Wink und der Meister ist entlassen.

Und draußen in des Kienspans Schein
warten Mönche und der Jude.
Und Sickingen winkt die Mönche herein
und nimmt einen Kelch und eine Kette heraus.
Und der Goldkelch hat Perlen und rote Rubinen,
die wie Christi rote Blutstropfen schienen,
und die Kette hat Ringe von rotem Gold,
das klingt und funkelnd durchs Fackellicht rollt,
hat Smaragden, gewachsen im Paradiese
auf grüner, grüner Himmelswiese
zum Schmuck bestimmt seiner hohen Frauen Leib,
nie liebte er ein fremdes Weib,
treu hat er die Dinge zugedacht,
höchstem Weibe schenkt er sie diese Nacht:
"Daß Maria, unsere liebe Frau,
mit Milde im Tode auf mich schau,
nehmt diese Dinge zu Halsband und Krone,
ihr zum Gebinde und ihrem Sohne!"
und er wendet sich, und sie stehn allein,
und trübrot flackert der Fackelschein.

Und in derselben Nacht noch schaffen sie herab
die Feldschlange vom Turm und ziehen ab
frühmorgens schon um halber vier
dem Kurfürsten nach in seine Stadt,
nach Trier.
Und die Mönche schreiben alles in der Chronik Buch
und fügen fromm dazu einen Segensspruch
für den Sickingen.

Und ein frommer Fischer sah im Traum
den Wald voll Sternenlicht
und Maria mit dem Kinde auf einem Baum,
und ein Stern stand am Himmel nicht.
Und ein ehrlicher Müller, der die Säcke fuhr,
hörte im Walde die Engel singen,
und er folgte bis zum Baum der Spur
und erzählte von den Wunderdingen.
Und um den Baum, drauf das Wunder war,
baute man Kapelle und Kirche herum
und einen marmornen Gnadenaltar
in der Zeit mit dem neuen Evangelium.
Und unsere liebe Frau von Beurig ist
gar mild und gütig und weich,
und wenn ihr keine Hilfe mehr wißt,
sie hört und hilft euch gleich.
Und sie kommen zu ihr aus Dorf und Stadt
mit kleinen und großen Kerzen,
und wer viel Leid auf dem Herzen hat
mit Wachs- und Silberherzen.
Und unsere liebe Frau hat Kreuz und Kron
und seidenen und silbernen Schleier
für sich und ihren lieben Sohn
für Werktags- und Feiertagsfeier.
Und wer im Dorf die reinste ist
und Nonne werden will
und nie noch hat einen Mann geküßt,
zieht an sie, der hält sie still.
Und sie ist vornehm und fein und reich
und steht in Schein und Glanz,
und von allen Kronen kommt keine gleich
der von Sickingen, von dem Franz.
zum Seitenanfang

Der Mensch im Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde ist Grundthema in Thrasolts Werken.
Das Problem der Gnade ist sein Hauptanliegen. Die Beschreibung des Weges von der Sünde
über die Gnade zum Heil trägt häufig biographische Züge.
"Die Rekluse von Machern" ist die Geschichte eines Vaganten, dessen gottloses Treiben
im Kerker ein Ende fand. Hier erinnert er sich der frommen Nonne, die ein Königskind war
und doch ein entsagtes Leben in vermauerter Klosterzelle verbrachte. Ihr Beispiel und ihr Gebet
bewirken das Wunder der Bekehrung.

Die Rekluse von Machern

Ihr Vater und ihre Mutter waren König und Königin,
und sie selber war ein Königskind,
und ihre Hände waren weiß und lind,
wie die Hände der Königskinder sind.
Und von gesponnenem Golde war ihr Haar,
aus Ehrenpreisblau ihr Augenpaar,
und ihr Herz - ihr Herz gab sie dem Herrn Jesus hin.

Und als der Tag gekommen war,
daß man ihr abschnitt das Königskindshaar,
auszog das goldene Kleid, das sie trug,
und den Schleier ihr gab und schwarzes Tuch
und mit neuem Namen sie genannt
- sie haben ihren alten nicht gekannt -
waren in der Nacht vor Liebe und Gottverlangen
alle Lilien und Rosen im Klostergarten aufgegangen,
und saßen im Neste flaumig und warm
kleine Vöglein und waren ohne Not und Harm,
und hielt über Kirche und Kloster und Land
der Herrgott seine Hand.
Und sie haben in die Zelle geführt die Dulcis-amara
und sangen: O sponse Christe praeclare, o sponsa Christi praeclara!
Herr Christe, Bräutigam, hochedel und traut,
wir führen dir zu deine süße, vielhohe Braut.

Und eine hohe Frau aus hohem Haus
teilte vor der Kirche unter die Armen aus
weißes Brot und süßen Wein
und viel Gold mit gelbem und rotem Schein.
Sie hatte gehalten ihr Herz so fest,
mit beiden Händen es zusammengepreßt,
doch sie weinte nicht.
Und man sah auch nicht ihr Königinnengesicht,
und sie ging auch in das Kloster nicht,
nur als sie trat aus dem hohen Tor,
hielt schon ein goldener Wagen mit silbernen Rädern davor.

Und ein Scholar mit einer Laute
saß auf der Kirchtür und schaute, schaute
und weinte, weinte.
Und da sie sie führen in die Zelle
und statt eines Schlüssels mitnehmen die Kelle
und statt einer Türe
die Zelle vermauern mit einem Stein,
wäre er fast in die Kirche hinein,
um den Stein aus den harten Angeln zu heben
und sie zu reißen ans Herz und ins Leben
zurück.
Und er sang ein Lied, und das Lied war voll Tränen,
und es war halb deutsch und war halb latein,
und es ging von Zwein und nicht von Zwein,
und Weinen und Lachen flocht er hinein,
wie man Blumen windet um Totenschrein,
es ging von Regen und Nacht, Tag und Sonnenschein,
von Gotteslust und Menschenleid
und von viel Bitterkeit und viel Süßigkeit.

Und er trat von der Treppe und trat heraus,
ging um die Kirche, ging um das Haus,
lehnte an die vermauerte Zelle
seine Laute und seine Locken - am Boden lag die Kelle:
er gab ihr einen Fußtritt und küßte die Schwelle
- ach, nimmer Schwelle - der Zelle.
Und er steckt aus dem Klostergarten an den Hut
ein Büschel Lavendel -
sein Duft ist gen alle Schäden gut.
Und besser noch ist
ihr kostbar Gebet, ist wie Christi Blut
und wie der Muttergottes Herzenstränen.
Und er sieht zum hohen Himmel empor,
tritt ein Stern, nun noch einer, nun alle hervor.
Und alle sind so hell, alle, alle so rein,
und alle sind Gottes und sind sein.
Und er sucht den höchsten und hellsten heraus:
"Du bist rein, sieh zu ihrer Zelle hinein,
küsse die Stirn ihr, kinderrein,
segne ihr Auge, ihren Mund, ihre Hände,
Dulcis-amara, mein und kein Ende."

Und wie er geht, wo der Fluß umbiegt
und zum letzten Mal drunten das Kloster liegt,
sieht er um und sieht einen Schein, der blinkt
und blinkt durchs Dunkel, als ob er ihm winkt
von dem schlechten Pfad auf den rechten Pfad,
auf Himmelspfad.
Und der Lavendelbusch auf seinem Hut
ist noch immer frisch und ist gut
gen allen Schad,
und besser, besser ist ihr Gebet
und Christi Gnad.

Und in dem hohen Gotteshaus,
dicht an dem Chor beim Sakrament,
ist angebaut ein kleines Haus,
und sie geht nie mehr, nie mehr heraus
bis ihr Herz lischt aus
und ihre Goldwimpern stille stehn
und nicht mehr nach dem Sakramente sehn
und ihre Kniee und Hände erkalten
und nicht mehr anbetend sich beugen und falten.

Und sie hat keinen Ofen und kein Licht,
ihr Herz ist heiß und ihre Seele voll Licht.
Einen Schemel hat sie nur, zum Knieen keine Bank,
der Boden ist ihre Bank und ihr Bett, wenn sie gesund ist und krank,
und man ihr Brot und Wasser durchs Fensterlein reicht
und am Sonntag eine Traube und einen Pfirsich vielleicht.
Und das Gitterlein, das zum Chore geht,
ist von Eisen ganz,
und hat doch einen goldenen, goldenen Glanz
von der ewigen Lampe und ihrem Gebet
und dem Schein, der um ihre Stirne weht.
Und das Fensterlein, das nach draußen aufsteht,
hat keine Scheiben,
ob die Apfelblüten oder die Schneeflocken treiben,
und die ganze dunkle Nacht kommt aus ihm heraus
und schimmert ins stille Gotteshaus
und glänzt in den Klostergarten hinaus
ein heller Himmelsglanz.

Sind starr ihre Hände, kalt ihre Füße,
heiß ist ihr Herz, ihre Lieder sind so süße.
Und ging die ewige Lampe aus,
der Mönchsherr schläft ruhig - eine brennt doch im Gotteshaus.
Und bei jeder Messe trägt der Zisterzienser hin
den süßen Leibdes Herrn
des Herren süßer Zisterzienserin.

"Mein Herr, mein Liebster im Sakrament,
das Meer ist klein und hat ein End,
ohne Licht ist der Himmel, ohn Gold das Firmament,
nicht die ewige Lampe, die brennt und brennt,
nicht der Seraph, der dich sieht und nennt,
nur die Reklusa weiß allein,
o Liebster, es weiß nur die Liebste dein,
weiß, o schönster Herre Christ,
wie schön und süß und selig du bist,
bist alle Stunde, ohne End
im Sakrament."

Und ein roter Rosenstock wächst an ihrer Zelle Wand,
und seit sie zu ihrem Bräutigam kam,
er winters wie sommers in roten Rosen stand.
Und von der Zelle Boden wuchs bis ans Kirchendach
eine rote Rebe,
dran man, seit sie den Bräutigam nahm,
die süßesten Trauben im ganzen Tale brach.
Und so himmelweiß blühten die Lilien nie
im Klostergarten, als seither, daß sie
in der Zelle sitzt und Liebeslieder singt,
gereimt und geflochten wundersam
zu Goldketten für ihren Bräutigam.
Und im Klosterhofe unter der Linde springt
ein Brünnlein, das Wasser war immer gut;
doch seit sie kam,
nahm ein Trank vom Herzen Herzweh und Gram,
und wer aus ihm trinkt, hat wieder hellen Mut,
glänzt auch frisch die Träne an der Wimper noch.
Und der Gang der Bäume zum Fluß wuchs so hoch
und stolz, und so steht er heute noch.

Und der hellste Stern mit dem schönsten Schein
bleibt so lange am Himmel und sieht hinein
in ihre kleine Gottesklause.
Und er dielt mit goldenen Dielen aus
den Boden und die Wände bis zur Decke hinaus
zu einem Himmelskönigsklause;
steckt an ihren Finger goldenen Ringe,
legt um das Haupt ihr goldene Krone,
um Schulter Goldmantel und alle die Dinge
wie ihr Bräutigam ihr einst auf dem Himmelsthrone.
Und die Mütter haben nicht mehr wie eh
in der schweren Stunde so schweres Weh,
und die Kinderlein kommen in die Welt,
wie ein rotroter Apfel vom Zweige fällt,
so süß und leicht,
wenn nur ein Sonnenstrahl mit goldenem Finger dran reicht.
Und kein Hunger und keine Pest ist in dem Land,
und all den Himmel macht ihre betende Hand
und ihr frohes, kniewundes Knie vor dem Sakrament:
"O Liebster, sei gepriesen in ihm ohne End!"

Doch eines Nachts da war es in ihrer Klause
dunkel und dunkel im Gotteshause.
Und des Morgens waren aufgegangen
Lilien und Rosen im Schnee,
und die hohen Herrgottslerchen sangen,
sangen, sangen, sangen überm Schnee.
Und rot von der ewigen Lampe Rot
lehnte am Gitterlein ihr bleiches Gesicht,
und ihr Herz war tot.
Und Tränen waren, doch Trauer nicht,
es war nur Singen und Blühen und Himmel und Licht,
wenn Heilige sterben, weint man nicht.

Und an ihrem Tage, am 19. März,
schlug und brach sich zur Ruhe ein ruhloses Herz,
ein Herz, dem bei Gott und Menschen, bei gutem und bösem Jahr
auf dieser Welt nicht zu helfen war.-
Hatte ein Falschweg sich gewendet zu richtigem Pfad
durch ihren Herzgang und Christi Gnad:
Nicht in Palast mit Prunktreppe und Erker,
nicht in warmem, weißem Bette,
nicht an wohnlicher, milder Menschenstätte:
in einem Kerker;

nicht an abendgoldenem Ehrentag,
ins Ausland, Hunger, Krankheit und Schmach..
Und er lag da, ein armes Hungergerippe -
seine langen, wirren Locken hatten
ab sie geschnitten - ein bitterer Zug um den matten
Mund und die schmale Lippe.
Und als sie den wüsten, wüsten Gesellen
sperrten in die, ach so andere - Zellen,
hatten sie ihm doch die Laute gelassen.
Und am letzten Abend hat er mit nassen
Augen und Händen sie zertrümmert
und hat aus den Stücken ein Kreuz gezimmert
und es befestigt an der Wand,
und die roten Augen sind danach aufgespannt
und danach ausgestreckt ist die tote Hand...
Uns es weht durch die traurige, traurige Gruft
wie Lavendelduft und ewige Luft.
Und hat er so lang auch nicht beten gekonnt,
ads Kerkergelaß ist gottdurchsonnt
und schimmert, schimmert.

Und in einem großen, goldenen Schreine
stehn im hohen Dome jetzt ihre Gebeine.
Und ihre Stirn ist noch frisch, wie Lilien sind,
schmal und fein ihre Hand, wie von einem Königskind.
Siebenhundert Jahre ist sie tot,
und ihr Mund ist noch gütig und ist noch rot.
Und Steine sind am Schrein, Smaragd und Demant,
Rubine und Perlen allerhand,
und sie flackern durch den Dom. Eine große, fromme Schar
von Wallern singt und fleht.
Und jedem nimmt sie Not und Sorge ab und Gebet
und bringt sie ihrem Herrn, bei dem sie jetzt steht.

Und jedes Jahr an ihrem Tag
haben sie´s erkannt
im Klostergarten und im Land:
alle Blumen, die sie setzen, wachsen an dem Tag,
und der Lawendel wächst, der sonst nicht wachsen mag.
Und setzen blaue Lilien sie, werden sie weiß,
und weiße Trauben werden rot,
zu ihrer Jungfrauschaft und Brautliebe Preis.

Und komme ich auf meinen Tod,
sei´s, wo es sei, in Elend und Hunger und Schmach:
auch ich möcht sterben auf ihren Tag.
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Das alte Kloster

Das graue zerlöcherte Hexendach haben
sie abgetragen, und sie gaben
dem Kloster ein neues, ziegelrot.
Doch das Kloster schafft den Kindern, wie einst uns Knaben,
auch heute noch Grausen und Not.
Und am Giebel, der auf die Straße drückt,
hängt der Heilend zwischen den Schächern am Kreuz und blickt
zwiefach gekreuzigt aus
und tröstet Mutter und Jünger an dem Haus.
Und haben sie auch neu angestrichen,
nicht ist der Spuk von dem Kloster gewichen.
Und mußten wir abends Salz noch kaufen
und ein Lampenglas: wir fingen zu laufen
und zu laufen an
vor dem Kloster und dem Kreuz mit dem Herrgott dran,
fingen an, uns zu bekreuzigen und zu beten,
und sahen uns auf der Haustür erst wieder um
nach dem Kloster.

Und als der Sturm vorüber war
von 1517 dem Jahr
und der von 1618 noch mehr
stand das Kloster leer.
Doch als der wilde Krieg getobt,
hatten die frommen Mütter gelobt,
gen Hunger und Pest und schwarzen Tod,
gen Schweden-, Franzosen- und Deutschen-Not,
dem Herrgott zu opfern den ersten Sohn.
Und so geschah's, und es währte nicht lang,
da zogen aus dem Kloster den dunklen Gang
unter der Erde hindurch
in die Kirche sie wieder zu Amt und Horen-Gesang,
und über die Saar und zu der Burg,
über den Saargau und in das Waldland drang
der Muttergottes-Glockenklang.

Und das Wunderbild war in guter Hut
bei den Mönchen. Und den Mönchen stand die Kutte gut,
und es gefiel, wie da gepredigt ward,
den Bauern besser als ihrer Pfaffen Art,
und mehr noch: in dem Beichtstuhl ging
es so genau nicht her, und die Buße war gering.
Und da die Muttergottes viel Wunder noch tat,
kamen weit sie her um Hilfe und Rat,
brachten Opfergeld, zu erhöhen die Feier
beim heiligen Dienst,
und für das Kloster Schinken und Eier.

Und wieder kam eine schlimme Zeit.
Der Gang zur Kirche war eng und nicht weit
genug mehr, wenn unter der Erde sie gingen,
um das heilige Amt und die Horen zu singen,
und sie schickten die Mageren, die Frommen hinüber
in den Beichtstuhl, auf die Kanzel - die anderen blieben lieber
im Bett und bei Spiel und Schmaus
zu Haus.

Mönchsfluß heißt noch bis auf den heutigen Tag
der Bach, dran morgens der Franziskaner lag.
Als um Mitternacht die Mageren zur Mette sich aufgemacht,
ging Pater Erasmus auf die Jagd
in den Kammerforst und den Paterwald.
Und als er schritt durchs Mondenlicht,
dachte er bei sich: so dumm bin ich nicht,
um diese Zeit die Psalmen zu plärr'n:
ich bin ein Jäger vor dem Herrn.
Braun regt es sich zwischen den Bäumen im Wald:
Pater Erasmus legt an, die Büchse knallt -
doch der Schrei ist keines Hirsches Schrei.
Und der Pater bückt sich über sein Wild:
Aus Pater Hildbrands Kutte quillt
- der Schuß war gut - das rote Blut:
"O Bruder, Bruder, das kommt davon,
ich sterbe, schnell gib die Absolution!"
Ein toter Bruder statt Geweih und Braten! -
Die Leiche darf ihn nicht verraten!
Und Pater Erasmus faßt und greift
und hebt sie unter den Arm und schleift
sie durch den Bach hinunter zur Saar.
Zehn Schritte noch - es sträubt sich sein Haar,
und es gerinnt zu Eis sein Blut:
wie er schnell noch um sich schaut, ob niemand naht
am Fluß vorbei, den Säumerpfad,
da sieht er oben im Paterwald
auf dem Felsen eine Mönchsgestalt,
und sie wächst und wird größer und winkt und weist:
"Nicht in den Fluß, nicht in den Fluß!
Nach der Kirche, dem Kloster!" - Hildbrands Geist!
Und Erasmus läßt fallen den toten Mann -
und läuft selber in den Fluß.
Und seither ein Kreuz an der Stelle stand,
wo man morgens den toten Franziskaner fand
zehn Schritte vom Uferrand.
Du greifst an den Hut, kommst du tags vorbei;
des Nachts aber, des Nachts ist so rot der Bach,
und oben winkt der Geist mit Hand und Schrei,
und es läuft, wer nachts hier durchkommt, wer es auch sei.

Und immer dichter wurde am Opferstock das Gedränge,
und ihr Kutte wurde zu enge,
und ihre Schritte wurden immer schwerer,
und im Chorgestühl wurde es immer leerer.
Und in dem Dorf und auf dem Gau manch Kindlein war,
das glich den frommen Vätern auf ein Haar,
nur daß es, als es kam, kein Küttlein trug:
die Mutter steckt es schnell in Bauerntuch.
Doch böse Augen haben das Gesicht gekannt,
und böse Zungen haben in dem Land
Knab und Mädchen Pater Just und Frater Heinz genannt.

Und wieder kam ein Sturm und eine schlimme gute Zeit
- Gott sei's gedankt! - für solche Herrlichkeit.
Und die erste Republik und der große "Napoleum"
stießen den Trierer Kur- und Erzbischofsstuhl um,
und rissen die Klöster und Kirchen ein,
leerten Keller und Speicher, Säckel und Schrein.
Und was sich nicht ließ auf Wagen und Pferde laden,
ward verkauft und versteigert mit Nutz und mit Schaden, -
und das war schad und war auch gut.

Und der Säckelmeister Berzelinus lud
zum Mittags- und zum Abendtisch,
zu Wildbret und Schinken und viel Fisch,
zu Senf und Pfeffer und viel Wein
alle die hohen Herren ein:
des Klosters halbblinden Pater Vikar
und den Maire von Beurig, Hochwürden von der Pfarre
an der Burg und die andern und noch gar
von Trier den Président du département de la Sarre.
Und als sie nachts drei Uhr nach Hause suchten,
da...fluchten
sie über das schlechte Pflaster,
alle, die ein der Herr Säckelmeister lud
und dem nun gehörte das ganze große Klostergut:
schwarz stand es auf weiß in dem großen Schreiben
und war versiegelt und von allen sieben
Herren unterschrieben,
und das Kloster sollte stehen beiben,
die Kirche niedergerissen werden.

Die Kirche blieb stehn doch als letzter Rest
des Gottesguts und Klosterguts für Gott und die Frommen.
Der Republik und dem Bruder hat ab sie prozeßt
der Bauer, mein Ahnherr. Heim kommt er von Trier
geritten, und an seiner Hausschwelle ruft
er nur: "Se bleiwt stoan!"
und sinkt tot von dem Tier.
Und das Kloster blieb stehn und die Kirche auch.

Und in das Kloster zog ein mit seiner Brut
Bruder Berzelinus und teilte auf das Gut
unter seine Brut.
Und die Mönche wies er alle hinaus,
und sie bettelten wieder von Haus zu Haus
um ein Glas Wasser und ein Stück trocknes Brot
für ihre Not.
Der blonde Hüne Iwo war der letzte,
der seinen Bettelstab von Tür zu Türe setzte,
halb erblindet und verkindet.

Und die Kutte, die Berzelin sonst zu enge war,
die wurde ihm bald zu weit,
und er ließ sich machen ein Ehemanns-Kleid.
Und er ließ sich wachsen das geschorene Haar.
Doch es wuchs nicht mehr, dünner wurd es gar,
als er trug über den ganzen Kopf die Tonsur,
und mit vierzig war er achtzig Jahre und weiß.
Und er saß am Tisch, und es schmeckte ihm nicht
seines Weibes allerbestes Gericht,
wie's ihm früher schmeckte von des Klosters Koch.
Und er trank den allergoldesten Wein
und den allerrotesten, und doch
sein Gesicht bekam immer fahleren Schein.
Und wenn in der Kirche die Glocken klangen,
und die Wallfahrer Bitt- und Bußlieder sangen,
sprang er auf vom Tisch und vollen Teller
und lief in den Keller.
Und er deckte im Sommer des Nachts sich zu
mit wollenen Decken bis über die Ohren
und schwitzte und war dabei wie erfroren;
und sank er vor Müdigkeit in halbe Ruh
und halben Schlaf,
zog ihm bei verriegelter Tür - Gottes Schreck! -
eine unsichtbare Hand die Decke weg.

Es kam ihm seine letzte Stund.
Der Priester ölte seine letzten Nöte.
So starb er, und eine schwarze Kröte
kam ihm aus dem Mund,
und saß und saß auf seinem Bette,
und keiner war, der sie fortgebracht hätte.
Und man trug ihn zu der Menschen letzte Stätte.-
Und als man ihn durch die Haustür trug,
- keine Glocke ward auf dem Kirchturm geläutet -
da schlug
eine Hand, daß das Haus und das Dach gezittert,
auf den Geldschrank und auf den Küchentisch,
und die Türschwelle ist mitten durch in zwei Stücke gesplittert,
und war von hartem Neunhäuser-Stein, -
noch heute ist zu sehen der Riß.
Und ein schwarzer, geschwänzter, höllischer Drache
fuhr stinkend aus dem Klosterdache.
Und als man in das Grab ihn hinunterließ
- kein Priester segnete die Erde ihm ein -
es war trockenster Sommer und Wassernot,
da stand im Grabe das Wasser bis
eine halbe Hand hoch über dem Sarg.

Und Kirchengut ist Gottesgut
und tut nimmer gut,
und der Himmel straft des Kirchenräubers Blut
bis ins letzte Geschlecht an Seele und Leib und Gut.
Und die einen glaubten an keinen Gott,
gingen statt in die Kirche auf die Jagd
des Sonntags und haben sein Gut verbracht
mit Trunk, Spiel und Weibern und haben gemacht
Bankrott;
und mußten nach Amerika,
und das Kirchengut kam nicht auf den dritten Erben.
Und wo es auf den dritten Erben ist gekommen,
hat das Verderben noch zugenommen.

Nachts zieht noch immer eine Hand
die Decke ihnen herunter vom Bette
und schlägt auf Geldschrank und Küchentisch,
und es rasselt immer eine Kette
im Keller und Speicher und Stall.
Und ihre Kühe geben all
blutgefleckte Milch, ob alt oder frisch.
Und das Wasser im Brunnen ist schwarz und rot -
und die einen bringt man ins Irrenhaus,
und die andern laufen in die Welt hinaus.

Alle dreißig Jahre pützt und zieht
man im Eimer aus dem Brunnen herauf eine Mütze,
und einer liegt drunten.
Alle dreißig Jahre stolpert man und sieht
in der Scheune einen Pantoffel unter der Leiter,
und eine hängt droben.
Kirchengut haltet von euch fern!
Alle guten Geister loben
Gott den Herrn!

Das sind des Bruders Brut, die Klosterleute,
Brudersleute heißen sie noch heute.
Und wenn wir in den Klostergarten stiegen,
und an der zerfallenen Klostermauer,
wo so rote und weiße Schneckenhäuschen liegen,
in der Sonne nach Schneckenhäuschen gesucht,
lag ein Bruderherr auf der Lauer
hat uns verflucht
und ist einäugig mit dem krummen Rodmesser
hinter uns her,
und wir liefen, liefen, dieweil wir um Hilfe riefen,
als ob der Teufel selber hinter uns wär.

Und auf dem alten Klosterdach
wachsen Flechte und Moos,
und sie nagen und fressen allgemach
Löcher hinein, fäuste- und fenstergroß.
Und draußen haben sie Wiese und Feld,
haben drinnen voll Vieh einen ganzen Stall,
und haben für die Löcher all
nicht zusammen gebracht das Geld.
Nun legten sie auf
ein rotes billiges Ziegeldach
und haben am Kreuz den Christus gelb geweißt.
Ob nun weicht der Geist?

Noch immer ist' s, daß die Kinder laufen,
müssen sie spät des Abends noch kaufen
Salz und ein Glas für das Licht.
Und sie laufen und sehen um sich nicht,
als bis sie auf ihrer Haustüre sind,
nach dem alten Kloster.
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Ernst ThrasoltAnmerkung: Ernst Thrasolt hat in dieser "Legende" folgende geschichtlichen Vorgänge zur Auflösung des Beuriger Franziskanerklosters verarbeitet:
1802 wurde das Kloster durch die französische Republik aufgehoben. Zunächst wurden nur die Klostergebäude und der Klostergarten versteigert, weil die Orts- und Kirchenvorstände beweisen konnten, daß Kirche und Güter Pfarreigentum seien. Dabei kam das "Bruderhaus" in Besitz von Nikolaus Jäger aus Beurig, der vormals als Bruder Pererin (bei Thrasolt "Berzelinus") im Kloster lebte und dort als "Säckelmeister" die Kasse führte. 1811 erhielten er und die Ansteigerer des Klostergebäudes im Rahmen eines Gelages im Bruderhaus vom Pastor Schneider die Unterschrift zu einem Antrag auf Veräußerung der Pfarrgüter. Dem Pastor gelang es dabei, auch den Maire Johann Baptist Britten aus Irsch zum Unterschreiben zu überreden. Die gotische Pfarrkirche sollte abgerissen werden, weil der Pastor den 1806 vollendeten Umbau der Kirche in Irsch so groß ausgeführt hatte, daß sie für Beurig, Ockfen und Irsch ausreichend war. Das Gnadenbild von den vertriebenen Mönchen nach Düsseldorf gerettet worden. Thrasolts Urgroßvater intervenierte gegen diese Pläne beim Bischof in Trier mit dem Ergebnis, daß die Kirche stehen blieb und Beurig zu einer eigenständigen Pfarrei erhoben wurde. Die übrigen Kirchengüter wurden allerdings zugunsten der Ehrenlegion für 35000 Franken versteigert. Die Pfarrgemeinde steigerte dabei das ehemalige kurfürstliche Jagdhaus als Pfarrhaus. Das Gnadenbild kehrte 1857 zurück nach Beurig.
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Aktualisiert am:
25. Dezember 2010

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